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Lindheimer Geschichte...

Kirche und Bildung (1670 1780)

Stich 1755

Langsam beruhigte sich der Ort. Es setzte eine Besinnung ein, die sich wohl am meisten in der Restaurierung und Ausschmückung der Kirche zeigte, die im 30-jährigen Krieg sehr gelitten hatte. 1670 konnte schließlich eine neue Orgel angeschafft werden. Aus diesem Grunde wurde ein neuer Organist angestellt, dem gleichzeitig die Lehrerstelle übertragen wurde. Seitdem wurden viele Generationen lang nur ausgewiesene Musiker als Lindheimer Lehrer angestellt. Schon 1712 wurde ein neues Instrument beschafft, das größer und besser war. Die nächsten Orgeln folgen in den Jahren 1802 und 1878. Das heutige, inzwischen sechste Instrument stammt aus dem Jahr 1973. In den Jahren 1764 1766 erhielt der Kirchturm seine heutige barocke Haube anstatt der alten gotischen Turmspitze, die noch auf einem alten Stich zu sehen ist.

Auch im Bildungsbereich gab es im 18. Jahrhundert einen großen Aufschwung. Schon 1563 war die erste Schule begründet worden. Im 18. Jahrhundert verfügte sie zeitweise über zwei Schulgebäude, so dass eine weitere Lehrkraft nötig wurde. Daneben gab es eine Schule der jüdischen Gemeinde, die im 18. Jahrhundert aus acht Familien bestand. 1788 kam eine besondere Mädchenschule hinzu, die als Vorläufer der 1888 begründeten Haushaltungsschule gelten kann.

Lindheimer Schriftsteller (1770 1895)

Noch im Jahr 1771 wird Lindheim als Stadt bezeichnet. Durch den Untergang des Deutschen Reiches im Jahr 1806 erlosch durch ein Dekret Napoleons die rechtliche Sonderstellung der reichsritterschaftlichen Herrschaften. Lindheim wurde dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt zugeteilt und sank auf den Stand eines Dorfes zurück, in dem sich ein adliges Schloss und ein Gutshof befanden.

Zur selben Zeit waren in Lindheim nacheinander zwei hochgelehrte Pfarrer tätig: Vater und Sohn Horst. Der Vater Kaspar Horst war Kenner der orientalischen Sprachen und verfasste eine Anzahl lateinischer und hebräischer Abhandlungen. Während er jedoch nie die erhoffte Professur an der Gießener Landesuniversität erhielt, wurde seinem Sohn und Nachfolger seit 1797 Georg Konrad Horst im Jahr 1824 die Ehrendoktorwürde der Theologie an der Universität Gießen verliehen. 1817 hatte er aus der Entlassung aus der Pfarrstelle gebeten, um sich besser seiner wissenschaftlichen Arbeit widmen zu können. Unter seinen zahlreichen Schriften ist insbesondere seine 2-bändige "Dämonomagie" von 1817/18 zu erwähnen, in denen er erstmals die Lindheimer Hexenprozesse eingehend behandelte.

Von 1835 bis 1859 wirkte Rudolf Oeser als Pfarrer in Lindheim. Bekannt wurde er als Volksschriftsteller unter dem Pseudonym O. Glaubrecht (Oeser, glaube recht!). 1842 veröffentliche er die "Schreckensjahre von Lindheim", in denen er eigene und die Forschungen von Horst in eine volkstümliche Erzählung umsetzte und 1859 erschien sein Werk "Das Volk und seine Treiber", das die Geschichte eines Lindheimer Bauernhofes und seiner Bewohner und den Einfluss, den eine Judenfamilie darauf gewann, darstellte. Dieses Buch gab dem Antisemitismus der ländlichen Bevölkerung erheblichen Auftrieb.

Schloß ca. 1920

Doch auch ein Bekämpfer des Antisemitismus lebte im 19. Jahrhundert in Lindheim: Leopold v. Sacher-Masoch. 1893 gründete er den "Oberhessischen Verein für Volksbildung", da er den Antisemitismus in erster Linie auf die Unwissenheit der Menschen zurückführte. Doch schon 1895 starb er in Lindheim, so dass sein Werk nicht zu Ende geführt werden konnte. Wegen der aus den Auseinandersetzungen mit seiner ersten Frau entstandenen pessimistischen Werke prägte der Psychiater Krafft-Ebbing den Begriff "Masochismus". Nach der Trennung hatte ihm dann seine zweite Frau Hulda Meister in Lindheim eine neue Heimat geschaffen. Im 20 Jahrhundert fand sich mit Karl-Ernst Demandt ein Chronist des Ortes, der durch die Neu-Herausgabe der "Schreckensjahre" und durch seine "Lindheimer Chronik" die Geschichte dieses Ortes den Bürgern lebendig dargestellt hat.

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